500 TAGE UND "THE DAY AFTER"

 

Nach 500 Reisetagen ohne Westwelt, überschritt bzw. überfuhr ich die Grenze von Mexiko in die USA bei Tecate. Und wie sich herausstellen sollte, kam damit auch "der Schock fürs Leben". Es mag etwas übertrieben klingen, aber so intensiv hat sich schon lange nicht mehr so ein Krisenzustand in meinem Inneren breitgemacht. Trotzdem bin ich jetzt für dieses Erlebnis dankbar, denn jetzt weiss ich, was ich tatsächlich auf meiner Reise, die mich zu einem beträchtlichen Teil, seitens des Zeitaufwandes, durch Süd- und Zentralamerika führte, gefunden hatte. Etwas, wovon ich auch erst jetzt wirklich weiss, wie wertvoll und gleichzeitig wie wichtig dies für das Leben ansich ist

 

Es war eine emotionale Achterbahn, die ich noch selten hatte."Tatsächlich" glaubte ich mit dem Grenzübertritt einen anderen Planeten betreten zu haben. Das Erste und wirklich absolut Schöne, im ersten Moment zumindest, war die unmittelbar sichtbare und spürbare Sauberkeit. Na, dachte ich mir, wir haben es schon fein. Kein Müll, keine schlechte Straße, überall Hinweisschilder, wohin man fahren muss bzw. kann. Endlich wieder Normalität, fein, überall Internet, Einkaufsmöglichkeiten, plötzlich war alles einfach wieder da, was in den letzten 500 Tagen nicht annähernd selbstverständlich war. Der Augenblick dieses positiven Gefühls vernebelte sich aber immer stärker und war als solches schon nach kurzer Zeit wieder in den Sumpf der sogenannten Normalität versunken.

 

Ich musste glatt lachen, wie ich meine Schnecke mit den anderen Autos verglich. Da die Reinigungsmöglichkeiten nicht immer, die Verschmutzungsmöglichkeiten jedoch überall in den letzten 1 1/2 Jahren gegeben, die Straßenqualitäten unter jedem Standard, und die Wege, die ich benutzte sehr abenteuerlich waren, sieht das Auto eben dementsprechend mitgenommen aus und hält im Vergleich zu den ständig gepflegten Prestigeschlitten, die mich grad links und rechts permanent überholten, nicht annähernd einem Schönheitswettbewerb stand. Ich fand es lustig so dann auf der 16 spurigen Autobahn, auf einer Spur meiner Wahl mit 90km/h dahinzuschnecken. Der gesamte Autosalon überholte quasi, dass es nur so eine Freude war. Die große Stadt namens Los Angeles durchörterte ich sonntags direkt, um dem Wochenverkehr damit optimal zu entgehen.

Letztlich erreichte ich Bakersfield Richtung Death Valley, wo ich einen Stop einlegte. Um wieder auf das Thema zurückzukommen, sei erwähnt, dass sich in den Tagen nach dem Eintritt in die "westliche Hemisphäre" einige zusätzliche Begebenheiten mit "dem Amerikaner" ereigneten, meine "Krise" sich audehnte ich plötzlich in eine Art der Angst und des außergewöhnlichen Unwohlseins verfiel. Es ist wirklich so, dass mir dazu keine anderen Worte einfallen, es ging mir plötzlich nicht mehr gut. Die wenigen Tage der Aklimatisation sollten normalerweise in eine positive Richtung der Wiedereingewöhnung gehen, das tat es aber nicht. Das Pendel schlug unerwartet in die andere Richtung aus, und traf mich ziemlich unvorbereitet, "hammermäßig".

 

Unterm Strich ausgedrückt: "Ich bin entsetzt", und wenn ich ganz ehrlich sein sollte, würde ich viel lieber wieder umkehren, und noch einmal den mühsamen Weg zurück nach Hause fahren. Aber 2 Gründe gibt es, warum ich das nicht tue. Erstens gibt es einige Gegenden, die von besonderem Wert in diesem Land und folgend dann auch in Canada sind, die ich gerne besuchen möchte, und zweitens, glaube ich, dass der folgende Abschnitt meiner Reise einfach dazugehört, um die notwendigen Erkenntnisse der letzten 500 Tage klarer erkennen und damit später besser transportieren zu können. Aber jedenfalls irgendetwas war ungewohnt hier in US. Zuerst dachte ich, es wäre die Freundlichkeit die fehlt, aber ganz so einfach kann man es nicht sehen, es gibt auch hier freundliche Menschen. Es musste also etwas anderes sein, das vielleicht viel essentieller ist.

 

Nach längerem Nachdenken und Fühlen fiel es mir dann plötzlich wie Schuppen von den Augen, als ich gestern in einer Tankstelle einer körperlich etwas beeinträchtigte Frau, wahrlich kein angenehmes Leben scheinbar, die offensichtlich aus Mexiko stammt und hier in diesem einsamen Nest, mit Temperaturen ständig weit über 35 Grad an der Tankstelle arbeitet. Sie sprach nur gebrochen Englisch und verstand mein Englisch offensichtlich noch schlechter, wodurch ich dann ins Spanische wechselte.Ho Ho Ho, a bisserl was hab ich doch gelernt ;-). Und da war sie plötzlich da. Das was ich schon vor geraumer Zeit in Südamerika gefunden hatte, nur plötzlich seit 3 Tagen absolut NICHT mehr spürte, war auf einmal wieder da. Es war die FRÖHLICHKEIT, ein Lachen, ein Strahlen, eine Wärme, eine Freundlichkeit, die Energie. Es war ein einzigartiger Moment, den ich da erlebte.

 

Ich habe doch glatt einen Schatz gehoben. Den Schatz des wahren Bewusstwerdens, was Fröhlichkeit wirklich bedeutet. In diesen wenigen Sekunden dieser zufälligen Begegnung luden sich meine Energiezellen spürbar auf, und eine enorme Freude und Dankbarkeit und gleichzeitig eine Trauer, hinsichtlich der "Westwelt", breiteten sich in meinem Körper und Geist durchdringend aus. Jetzt wusste ich auf einmal, was ich vor ein paar hundert Tage gefunden hatte, und jetzt hallte das Echo der bewussten Erkenntnis wider. Danke, Danke , Danke!!!

 

Eine Frage drängt sich "westmenschdenkend" nun zwangsweise und automatisch bereits jetzt auf. Die Frage nach dem "wie wird es wohl sein, wenn ich wieder zuhause bin". Diese Frage wird dann beantwortet wenn die diesbezügliche Zukunft zur Gegenwart wird. Jetzt ist einmal jetzt und die nächsten rund 180 Tage bringen noch viel Spannendes mit sich von dem ich mich zu gegebenem Zeitpunkt überraschen lassen werde. Jedenfalls geht es mir trotzdem wieder gut. Auf nach Alaska!